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Zwischen Magie und Profanem

In aufwändig konzipierten Vitrinen zeigt Daniela Hoferer (*1981 in Gengenbach) die drei Arbeiten „Auböck Purgatorium“ (2012), „Brennt das Haus, rennt der Strauß“ (2012) sowie „Warten (nach Vittore Carpaccio)“ (2012). Sieht man die an museale Präsentationen erinnernden in Kupfer eingefassten Schaukästen, bleiben die darin enthaltenen Werke zunächst verborgen. Ihrer ansichtig zu werden, erfordert ein nahes Herantreten, in „Auböck Purgatorium“ gar ein tiefes Hinabblicken in den mit glänzendem Stoff ausgeschlagenen Kasten. Die bezogenen Wände sind mit hinaufzüngelnden Flammen in Weiß, Gelb, Orange, Rot und Violett bestickt, eingebettet liegt dazwischen ein in ein engmaschiges Netz eingefasster menschlicher Knochen. Im Fegefeuer – mittelalterliche Darstellungen oder Dante Alighieris Beschreibungen in der „Divina Commedia“ vor Augen –, ist der unversehrte Knochen Symbol all der büßenden Seelen, die hier ihrer Erlösung harren.
Dass der Reliquienschrein auf modernen Füßen steht, ist eine Reminiszenz an den am Weimarer Bauhaus unter Johannes Itten ausgebildeten österreichischen Designer Carl Auböck. Die Künstlerin macht den Betrachter glauben, ein wertvolles, wenn nicht gar heiliges Objekt in einer Art Schrein zu sehen. Diese Sakralisierung bricht sie durch das Avantgarde-Gestell und durch den in seiner Haptik erst an kostbare Seide erinnernde Auslegestoff, der sich beim zweiten Hinsehen als profaner Synthetiksatin entpuppt. So wird die Magie des zur Schau gestellten Objekts in „Auböck Purgatorium“ auf die Probe gestellt.
Hoferer bezieht sich in vielen ihrer gestickten Arbeiten auf ganz unterschiedliche Kontexte. Oft nimmt sie Fotografien und auch volkskundliche Traditionen als Ausgangsbasis für ihre Arbeiten, die sie dann als Fragmente benutzt und in neuen Stick-Formationen zusammenführt. „Durch das Sticken entsteht die Illusion glaubhafter Realität, in Wirklichkeit geht aber jedes Gefühl für die zeitlichen und örtlichen Kontexte verloren. Die Einzelelemente sind noch zuzuordnen, das Gesamte aber löst sich wieder auf.“ (Daniela Hoferer) In „Warten“ paraphrasiert sie ein Gemälde des italienischen Renaissance-Malers Vittore Carpaccios, welches die „Begegnung der Pilger mit dem Papst“ aus dem Zyklus zur Legende der Hl. Ursula in der Galleria dell`Accademia in Venedig zeigt. In einer radikalen Reduktion löst sie die rot-weißen Pilgerhüte aus dem Bildkontext und arrangiert diese zu einem abstrakten, von Farbe und Form dominierten gestickten Bildraum.
Text: Gwendolin Felicitas Kremer, 2012
erschienen im Katalog zur Ausstellung "MeisterschĂĽler I. Die Passion des Realen, KIT, 2012